Alltag
vor dem Burgtor

© feld72

 

Das Glacis war Teil der Stadtbefestigungsanlage, die in Folge der Türkenbelagerung 1529 errichtet worden war, und sich zwischen der Bastei und den Vorstädten erstreckte. In seiner Funktion als Schussfeld, durfte es nicht bebaut werden. Berüchtigt war diese Freifläche für ihre Zugigkeit und für die unbefestigten, staubigen Wege, die sich bei Regen in unwegsame Schlammfelder verwandelten. Ende des 18. Jahrhunderts, unter Kaiser Josef II., wurde die bis dahin unwirtliche Fläche begrünt, und die Wiener Bevölkerung nutzte sie fortan für Spaziergänge und zur Erholung. Besonders nachts gab man sich hier Stelldicheins. Mit der Schleifung der Bastei und dem Bau der Ringstraße, die am 1. Mai 1865 eröffnet wurde, verschwand das Glacis aus dem Alltagsleben der Wienerinnen und Wiener.
 

Wenn das Glacis in Folge der Neubauten verschwinden muß, was soll alsdann mit allen denen geschehen?

Figaro, 28. August 1858

 

Wo werden die Wiener Kinder im Grünen herumspringen, wo die Kindermädchen im Freien spazieren gehen, gefolgt von bewundernden Kriegern, wenn man die Glacis mit Häusern pflastern wird? Wo sollen sich die Buben prügeln, wenn sie aus der Schule kommen und von der ausgestandenen Gelehrsamkeit Kongestionen nach den Fäusten bekommen?

Ost-Deutsche Post, 3. Jänner 1858

 



Verkehrschaos auf dem Glacis

Kikeriki, 28. November 1861

 

Die Koth-Regulierung am Glacis. Nachdem die letzten Regengüsse alle Glacis-Gegenden bekanntlich in ein Koth-Meer verwandelt haben, beabsichtigt die Kommunal-Verwaltung demnächst eine Flotte auszurufen, welche vorläufig commissionelle Erhebungen zu pflegen haben wird und sich hauptsächlich auch mit Rettung, respective Atzung [Verpflegung] der Steckenge-bliebenen oder auf andere Weise hilflos gewordenen Spaziergänger befassen soll.

Kikeriki, 20. Februar 1862



Wien – vor der Verschönerung [mit dem begrünten Glacis, vor Schleifung der Bastei]
Wien – nach der Verschönerung [nach Schleifung der Bastei, mit der neu eröffneten Ringstraße]

Figaro, 28. August 1858

 

(…) und Abends erfüllten die unglücklichen Mädchen der Fabriken in dem jugendlichsten, selbst Kindesalter die Glacien und den Stadtgraben, um für einige Groschen jedem dienstbar zu sein. (…) Auch nächtliche Anfälle und Beraubungen auf den Glacien kamen damals fast täglich vor.

Ernst Violand, Die sociale Geschichte der Revolution in Österreich, 1850

 

Falls Ihr zu Haus keine reinlichen Better habt, oder zu sehr von Wanzen gequält werdet, so könnet Ihr diesen Monat auf der Bastey eurer Nachtlager aufschlagen. Es schläft sich in schwülen Sommernächten trefflich unter freyem Himmel, und ich kann euch versichern, daß die bravesten Herren öfters Nachts auf der Bastey liegen.

Joseph Richter, Taschenbuch der Grabennymphen auf das Jahr 1787, 1787