Kurt und Gerti Braun

© Maria Welzig

 

Unvergessen
von Curtis L. Brown

Es geschah kurz nach Hitlers Machtübernahme in Österreich im März 1938. Zusammen mit meiner Schwester Gerti ging ich den Ring entlang, die dreispurige Prachtstraße rund um die Wiener Innenstadt, was ich häufig tat, um eine üble Laune zu vertreiben. (…) Leider war die Ringstraße (…) auch der bevorzugte Aufmarschort des politischen Mobs. Vielleicht um einer solchen einsetzenden Massenversammlung auszuweichen, vielleicht aber auch, um unserer Geburtsstadt Lebewohl zu sagen, zog ich Gerti an diesem Nachmittag in das Kunsthistorische Museum, wo wir von Galerie zu Galerie voll prächtiger Gemälde und Skulpturen schlenderten. (…)

Eine kleine Gruppe von Aufsehern befand sich auf ihrem Rundgang durch die Säle, trieb Menschenmengen auseinander, machte Notizen, offensichtlich ein Auftakt zu Neuordnung und „Arisierung“.

In einem Saal mit vergleichsweise wenigen Besuchern blieben Gerti und ich wie hypnotisiert vor einem Seestück stehen. Tosende Wellen, stürmischer Himmel, sich auftürmende Wolken – und eine einzelne Möwe am Ende eines verlassenen Piers, den Blick starr auf den drohenden Horizont gerichtet, abwägend, ob und wohin sie sich davonschwingen könnte … Wir kannten weder den Maler noch seine Epoche oder Herkunft, aber sein Panorama hallte in uns wider. Gerti griff nach meiner Hand und drückte sie wortlos. Wir waren uns immer nahegestanden, aber niemals so nah wie in diesem Moment … Und wir begannen beide zu weinen. Ich weiß nicht, wo, wann und wie sie starb. Sie hat kein Grab. Ich vermisse sie.

(aus dem Englischen von Eva Offenthaler)

© Curtis L. Brown
Kurt und Gerti Braun während der Sommerferien 1930 in Sauerbrunn/Burgenland

Curtis L. Brown wurde am 31. Mai 1921 als Kurt Braun in Wien geboren. 1938 musste die Familie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten flüchten, zunächst nach Bratislava, dann nach Budapest. Dort wurde Kurt 1942 verhaftet und zur Zwangsarbeit in der ungarischen Armee genötigt. Ende 1944 gelang ihm die Flucht, zunächst ins sowjetisch besetzte Rumänien, nach Kriegsende kehrte er nach Wien zurück. 1947 emigrierte er in die USA. Kurts Schwester Gerti Braun, geboren am 23. Mai 1923, und seine Eltern, Irma, geborene Neugebauer, und Filip Braun, wurden 1944 nach Auschwitz deportiert und kehrten nicht zurück.
Curtis L. Brown arbeitet und lebt als Chemiker, Wissenschaftsjournalist und Schriftsteller in Neenah, Wisconsin.

Quellen: Die Gemeinde, Offizielles Organ der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Nr. 689, März 2011, S. 30; Eva Offenthaler, Curtis L. Brown, ein „Neenah Wiener“, in: Neuer Nachrichtenbrief der Gesellschaft für Exilforschung, Nr. 32, Dezember 2008, S. 11–12.