Perspektiven der Gerechtigkeit

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IUSTIIA REGNORUM FUNDAMENTUM
GERECHTIGKEIT IST DAS FUNDAMENT DER REICHE (STAATEN)

Der Knabe unter dem alten steinernen Torbogen der kaiserlichen Burg, an dessen Front seit vielen Jahrhunderten die Gerechtigkeit gepriesen wurde, schaute zu der lateinischen Inschrift getröstet empor. Sie hatte ihm nie etwas bedeutet. Und noch vor wenigen Jahren mochte sie überhaupt nichts als tote Buchstaben bedeutet haben. Heute dagegen, wo sie ihn selbst anging, war sie die reine lebendige Wahrheit geworden! Das Reich des gottgesandten Führers ruhte auf Gerechtigkeit. Er klammerte sich an den Gedanken, als er durch das Tor und über den Heldenplatz weiterging.

Ernst Lothar, Heldenplatz, 1945

© Maria Welzig

 

Die Fliederbüsche, die früher hier gestanden und im Mai unvergesslich geduftet hatten, gab es seit dem Frühling 1938 nicht mehr. Denn das Gelände wurde seither für Massenkundgebungen benützt, bei denen die Fliederbüsche nur gestört hätten.
Dort oben war der Führer gestanden, auf dem Balkon der Neuen Burg. Toni hatte ihn gesehen und Toni hatte ihn gehört. Er hatte gesagt: ‚Mit dem heutigen Tag hört das Unrecht in Österreich für die nächsten tausend Jahre auf! Seit heute ist Österreich ein Rechtsstaat geworden!‘ (…) Ich werd mich doch nicht benehmen wie die Idioten, die am Wort des Führers zweifeln! dachte der Knabe. Wir haben jetzt einen Rechtsstaat. (…) In einem Rechtsstaat gibt es kein Unrecht.

Ernst Lothar, Heldenplatz, 1945

© Maria Welzig

 

Der Roman „Heldenplatz“ handelt von dem Hitlerjungen Toni Fritsch, der auf dem Heldenplatz die Rede Adolf Hitlers zum „Anschluss“ hört und seither vom nationalsozialistischen Weltbild überzeugt ist. Die Begegnung und das Gespräch mit einem alten jüdischen Mann auf dem Heldenplatz bringen jedoch seine politische Überzeugung ins Wanken und beeinflussen sein weiteres Handeln. Recht, erfahren wir, ist eine Frage der Perspektive, die die jeweils Herrschenden bestimmen, während Gerechtigkeit ein rares Gut ist.

Ernst Lothar (1890–1974) war Regisseur und Schriftsteller. Von 1935 bis 1938 leitete er als Direktor das Theater in der Josefstadt. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft musste er 1938 emigrieren. Über die Schweiz und Frankreich gelangte er in die USA, wo er 1945 den Roman „Heldenplatz“ („The Prisoner“) veröffentlichte. 1946 kam Lothar, der die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte, in staatlichem Auftrag der USA nach Wien, um an der Erneuerung des kulturellen Lebens in Österreich mitzuwirken. 1948 kehrte er endgültig nach Wien zurück und nahm die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an.

 

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