Totalitär am Ring

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© Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv
NS-Propagandaveranstaltung am 1. Mai 1938, Blick über die Ringstraße zum Burgtor

 

Vor der Wahl wurde gegen die Juden gehetzt, aber nachher wurde es so richtig schlimm. Am letzten Samstag, den wir dort verbracht haben, war vor jedes jüdische Geschäft ein Nazi stationiert worden, um Arier davon abzuhalten, hineinzugehen. Wir haben das mehrmals getestet, denn wir wussten ja, dass wir Amerikaner uns frei bewegen durften. Sie haben uns aufgehalten und gefragt, ob wir Arier seien. Dann haben sie uns darüber informiert, dass es sich um ein jüdisches Geschäft handle. Mit einer Ausnahme hat es ausgereicht zu sagen, dass wir Ausländer seien, aber ein Mann war besonders bösartig und drohte mir mit der Festnahme, falls ich reingehen sollte. Es war zu knapp vor unserer Abreise als dass ich es versucht hätte. Nur zu gerne hätte ich es darauf ankommen lassen … Oft wurden Arier, die beim Einkaufen in einem jüdischen Geschäft erwischt wurden, dazu gezwungen, mit einem Schild mit dem Schriftzug: „Ich bin ein deutsches Schwein und kauf’ bei Juden ein.“ die Straßen entlang zu laufen. […] Vater hat gesehen, wie ein Ladenbesitzer dazu genötigt wurde, JUDE ganz groß mit Farbe auf sein Schaufenster zu malen. Das war genau vor unserer Abfahrt. Sie wurden alle so gekennzeichnet.

1. Mai 1938, Brief, Helen Baker

Der US-Amerikaner Ross Baker, Chemiker und Professor an der City University of New York, studierte 1938 im Rahmen eines Forschungsaufenthaltes an der Universität Wien. Gemeinsam mit seiner Frau Helen und seinen Söhnen wurde er Zeuge der Vorkommnisse und der Gewalt im März 1938. Ihre Wahrnehmungen und Erlebnisse rund um die Tage des „Anschlusses“ dokumentierte die Familie in Tagebüchern, Briefen und Filmen.

 

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NS-Propagandaveranstaltung am 1. Mai 1938, Monumentalarchitektur auf dem Maria-Theresien-Platz

Wenige Wochen nach dem „Anschluss“ Österreichs wird auch in Wien am 1. Mai 1938 der „Tag der deutschen Volksgemeinschaft“ als große Propagandaveranstaltung des nationalsozialistischen Regimes inszeniert. Auf dem Maria-Theresien-Platz, gegenüber dem Burgtor, wird ein temporäres, monumentales „Ehrenmal“ errichtet, auf dem die Hoheitszeichen der neuen Machthaber prangen. Menschenmengen versammeln sich und hören die auf dem Heldenplatz ubertragene Rede Hitlers zum 1. Mai aus Berlin.